Lost in Hoffenheim
Von Ronnie Reng

Mit dem deutschen Nahverkehr hatte mein Freund Rob Moore noch nicht so oft zu tun. Er jettet als Fußballagent südafrikanischer Stars wie Steven Pienaar vom FC Everton oder Blackburns Benny McCarthy durch die Fußballwelt. Vergangenen Sommer kehrte er von einer Dienstreise nach Deutschland so begeistert zurück, als habe er ein echtes Abenteuer erlebt. Er hatte versucht, in Hoffenheim aus dem Zug zu steigen.

Doch ehe er seine Jacke angezogen, den Koffer aus dem Gepäcknetz geholt und die Tür erreicht hatte, fuhr der Zug schon wieder weiter.

„Da wurde mir klar, wie klein Hoffenheim ist!“, erzählte mir Rob, als wir unlängst eines Abends nach einem Champions-League-Spiel in Barcelona in einer Bar saßen. Um allen weiteren Gefahren des Heidelberger Nahverkehrsystems zu entgehen, nahm Rob von der nächsten Station, Sinsheim, dann ein Taxi zurück nach Hoffenheim.

Er hätte nicht gedacht, dass er an jenem Tag noch einmal so staunen würde. Doch Hoffenheims Manager Jan Schindelmeister steigerte Robs Verblüffung über die deutsche Regionalbahn noch. Rob suchte neue Vereine für seine alternden Spieler Delron Buckley von Borussia Dortmund und Sibusiso Zuma, damals bei Arminia Bielefeld. Rob wusste aus Erfahrung, dass für solche in die Jahre gekommenen, aber eben reich erprobten Profis Erstliga-Aufsteiger die wahrscheinlichsten Käufer waren. Schindelmeister allerdings erklärte Rob detailliert und plausibel, dass sie genau solche Spieler just nicht suchten, sondern das Gegenteil: unerprobte, unerkannte Talente, technisch gut, schnell, taktisch verständig; formbares Potenzial. Seitdem ist auch Rob – gegen seine eigenen Geschäftsinteressen – ein Hoffenheim-Fan. Er hat, was nun immer mehr Leuten klar wird, bei seiner Abenteuerreise mit der Heidelberger Bimmelbahn einen Verein entdeckt, der systematischer, fachlicher, einfach besser als der Großteil der Bundesliga arbeitet.

Hoffenheim mag am Ende diesen Jahres Vierter werden oder Siebter oder – unwahrscheinlich - nur Zwölfter, aber sie haben schon jetzt all die in der eigenen Selbstgefälligkeit schwimmenden mittelmäßigen Manager und Trainer der Bundesliga entblößt, all die Bruchhagens, Funkels, Vehs oder Heldts, die immer davon reden, sie hätten doch mit ihrem begrenzten finanziellen Möglichkeiten keine Chance, Spitze zu sein. Hoffenheim beweist: Jeder Verein von den finanziellen Möglichkeiten des VfB Stuttgart (gerade Stuttgart, dass seit Jahren die beste Nachwuchsarbeit Deutschlands macht), Eintracht Frankfurt oder Wolfsburg würde in der Bundesliga im oberen Drittel mitspielen, wenn sie bessere Trainerteams und Sportdirektoren hätten.

Der internationale Spielermarkt mit seinem unendlichen Angebot an gut ausgebildeten Spielern belohnt die Vereine, die in der Preisklasse von einer bis sechs Millionen Euro die besseren unter all den guten Spieler erkennen (wie Hoffenheim zum Beispiel mit Obasi), und die einen Trainer haben, der aus all den besseren Spielern dank der automatisierten Spielweise eine sehr gute Mannschaft macht (wie Ralf Rangnick in Hoffenheim). Der Unterschied ist auf den ersten Blick sichtbar: Hat Frankfurt oder Stuttgart im Mittelfeld den Ball, beginnen sich zwei der drei anderen Mittelfeldspieler zu bewegen; bei Hoffenheim dagegen sind alle drei anderen Mittelfeldspieler bereits gestartet. Wenn der Ball dann steil gespielt wird, haben sie den entscheidenden halben Meter Vorsprung. Diese Automatismen schaffen nur die besseren unter den guten Trainern.

Hoffenheim ist – aus internationaler Sicht – nichts Besonderes: Mit solchen Automatismen, mit solcher Schnellig- und Genauigkeit, mit solcher taktischen Flexibilität zwischen Offensive und Defensive spielen in Spanien oder Italien fast alle Erstligisten. Aber aus deutscher Sicht aber ist Hoffenheim das Beste, was der Bundesliga seit langem passiert ist. Hoffenheim zwingt die Gegner, schnell zu werden – genauso wie die Zugreisenden Fußballagenten, die dort Geschäfte machen wollen.

 

Ronald Reng ist Autor des besten deutschen Fußball-Buchs: „Der Traumhüter“. Es erzählt die wahre Geschichte des Torwarts Lars Leese, der den Sprung von der Kreisliga Westerwald in die englische Premier League schaffte.

http://www.kiwi-verlag.de/36-0-buch.htm?isbn=9783462031072

 

5  Kommentare
Von  arsenalex
11.11.2008 19:48
wirklich toller Blog wieder! echt toll analysiert! bin auch genau deiner meinung, Hoffenheim tut dieser liga einfach nur gut!
11.11.2008 19:57
danke mal wieder fuer einen fantastischen eintrag! du hast das hoffenheimer prinzip super beschrieben! fuer mic hat es auch eine bestimmte aehnlichkeit zu arsenal! die jungen wilden! ich hoffe das sie sich fuer das international gechaeft qualifizieren!
Von  lennipool
12.11.2008 22:51
alter schwede, auch wenn sie das letzte spiel verloren haben, ich bin unglaublich begeistert von hoffenheim! sie peppen die liga richtig auf, schnelleres spiel ist genau das was di liga braucht und Hoffenheim zwingt seine gegner dazu! ganz grosses Kino!
Von  adeee
13.11.2008 15:39
glaube zwar nicht unbedingt, dass viele leute hier so nen blog lesen die nich viel von fußball verstehen, aber es ist ja einfach so, wie es dort steht. das system hoffenheim, egal wie viel dietmar hopp dareinsteckt, ist einfach ein traum und super für den deutschen fußball. rangnick hat ja schon vor vielen jahren die viererkette anstatt eines liberos gepredigt und würde dafür belächelt, der ist einer der wenigen trainer die die entwicklung im ausland nicht verschlafen haben und das was der schindelmeiser an spielern geholt hat war einfach super. ne perfekste scoutingleistung und mit wellington haben die noch nen stürmer der mit sicherheit über großes potenzial verfügt.
Von  jendricio
16.11.2008 17:18
Ja, vielen Dank für diesen Post! Ich bin gespannt wie die nächsten Spielerverplfichtungen von der TSG aussehen werden. Gehen sie ihren eingeschlagenen und viel gelobten Weg weiter?
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