Adler oder Enke?
Von Ronnie Reng

Ich saß im Stadion Helidoro Rodríguez des spanischen Zweitligisten CD Teneriffa und wartete auf Robert Enke. Aber zunächst kamen die Torwarthandschuhe von Robert Enke und dann die Fußballschuhe von Robert Enke. In den Handschuhen, mit dem fetten Namenszug ENKE auf dem Klettverschluss, erschien der zweite Torwart von Teneriffa, Álvaro Iglesias, zum Training auf dem Rasen. In Enkes Fußballschuhen steckte der dritte Torwart, Adolfo Baines. Enke, damals im Frühling 2004 die Nummer eins bei Teneriffa, hatte den beiden Kollegen die Sportsachen geschenkt. Er bekam sie von seinem Sponsor, sie, Zweite-Liga-Torhüter ihr gesamtes Leben, mussten sie sich selbst kaufen.

 

Das Training begann. Außer mir waren vielleicht 20 Zuschauer dort; die meisten Rentner, die weniger das Training als ihr eigenes Gerede interessierte. Für die deutsche Fußballszene hatte Enke damals aufgehört zu existieren, er war ein Zweitliga-Torwart auf einer Ferieninsel vor Afrika. Ich sah, wie er beim Schusstraining einen Ball nach dem anderen atemberaubend gut hielt, ich sah die Reflexe, die Explosivität, die lehrbuchreife Fangtechnik. Ich wusste nicht, was er aus seinem Talent machen würde, aber ich wusste, dass ich solch ein Torwarttalent allenfalls einmal gesehen hatte (das erste Mal, als ich Iker Casillas im Training beobachtete).

 

An jenes Training in Teneriffa muss ich denken, wenn ich nun die Berichte vom 2:1 Deutschlands im WM-Qualifikationsspiel am Samstag gegen Russland lese. Enke hatte sich bekanntlich zwei Tage zuvor die Hand gebrochen, René Adler konnte so sein erstes Länderspiel bestreiten, und die Schlagzeilen sind ein einziger Orgasmus: „sensationelles Debüt“ … „glänzende Reaktionen“ … „Mann des Abends“ … für Die Welt ist die Torwartfrage 21 Monate vor der WM in Südafrika gar gegen Enke, zugunsten Adlers entschieden. Manchmal sind Journalisten Vollidioten. Ich darf das schreiben; ich bin selber einer. Denn die Medien sahen bei René Adlers Debüt wieder einmal nicht, was wirklich geschah (ein sehr talentierter Torhüter macht ein passables Spiel, wobei er nicht mehr als zwei außergewöhnlich schwierige Situationen überstehen muss). Sie sahen nur, was sie sehen wollten: den Super-Adler, den sie, die Medien, selbst schufen.

 

Seit René Adler mit 19 bei Bayer Leverkusen sein Debüt in der Bundesliga gab, wird er zur Sagengestalt des deutschen Torwartlands hochgejazzt. Ich war selbst einmal ein schlechter Torwart, deshalb interessiere ich mich noch immer besonders für die guten. Ich lebe in Spanien, ich hörte von Adler, und so fuhr ich neugierig nach Pamplona, als er dort vor anderthalb Jahren mit Leverkusen im Uefa-Cup spielte. Leverkusen verlor 0:1 gegen Osasuna, das Tor war ein Schuss ins kurze, ins Torwarteck; dreiviertel aller spanischen Erstligatorhüter hätten ihn gehalten.

 

Solche Fehler passieren, und deswegen ist Adler nicht weniger talentiert, aber als am Tag danach in keiner deutschen Zeitung von dem Fehler die Rede war, wurde ich skeptisch, was die Lobeshymnen auf den Leverkusener angeht. Adler hat eine spektakuläre Art zu fliegen, seine extreme Körperspannung lässt es so aussehen, als sei er länger, höher in der Luft als andere Torhüter. Das beeindruckt offenbar Journalisten und Fans. Die Spiele, die ich von den besten deutschen Torhütern sehe, die Privatgespräche, die ich etwa mit deutschen Nationalspielern über die Torhüter führe, ergeben ein etwas anderes Bild.

 

Was Sprungkraft, Reaktionsschnelligkeit, Entscheidungssicherheit angeht, ist Adler sehr gut – aber sowohl Manuel Neuer von Schalke als auch Enke ungewöhnlich gut. Ich erinnere mich an ein ganz normales Bundesligaspiel, Schalke gegen Rostock, ein harter Schuss aus 18 Meter, zwei Mitspieler und ein Gegner stehen Neuer im Weg, so dass er den schnellen Ball erst in der letzten Zehntelsekunde sieht – die meisten Bundesligatorhüter hätten irgendwie noch die Hand hingebracht. Neuer aber schafft es, die Hände zu Fäusten zu ballen und den Ball perfekt platziert und weit ins Seitenaus zu fausten. Es war eine Alltagsszene, die kaum ein Zuschauer registriert – in solchen Szenen und nicht in den spektakulären Flugparaden aber erkennen Torhüter die Größten Ihresgleichen: Technik und Reflex, wie von Gott gegeben.

 

Torhüters wichtigstes Talent, konstante Verlässlichkeit, dieses „Niemals-Fehler-machen“, hat Neuer allerdings noch nicht nachgewiesen. Enke liefert diese Konstanz seit Jahren. In ganz gewöhnlichen Bundesligaspielen, wie Bochum gegen Hannover vergangene Saison, löste er regelmäßig jede Woche solche Aufgaben alleine gegen den Stürmer wie Adlers hysterisch bejubelte Rettungstat im Russland-Spiel gegen Seymak. Aber klar, Bochum gegen Hannover schaut ja niemand (nur ich bin so blöd, mir eine DVD von dem Spiel zu besorgen, weil mir ein befreundeter Scout von den Klasse-Reaktionen Enkes in Eins-zu-eins-Situationen erzählte).

 

Mehrere Nationalspieler haben mir erzählt, Adler sei „an der Grenze“ gewesen beim harten Torwarttraining, das auf Jens Lehmanns Wunsch während der EM durchgeführt wurde. „Der René war ständig kaputt“, sagt ein EM-Fahrer. Fast täglich habe sich Adler von den Physiotherapeuten und Ärzten behandeln lassen müssen. Das steht nie in den Zeitungen.

 

Mich wird so schnell niemand überzeugen können, dass wir im Qualifikationsspiel gegen Russland die deutsche Nummer eins der WM 2010 gesehen haben. Denn ich habe einen besseren Torhüter gesehen, vor vier Jahren, in einem unbedeutenden, alltäglichen Zweitligatraining in Teneriffa.

 

Ronald Reng ist Autor des besten deutschen Fußball-Buchs: „Der Traumhüter“. Es erzählt die wahre Geschichte des Torwarts Lars Leese, der den Sprung von der Kreisliga Westerwald in die englische Premier League schaffte.

http://www.kiwi-verlag.de/36-0-buch.htm?isbn=9783462031072

5  Kommentare
15.10.2008 01:34
Wow, ein echt toller Blog! Danke fuer diese Insider infos kriegt man sonst sicher nie zu hoeren. ich war eigentlich immer sher begeistert von Adlrt, auch wenn mir klar war das er von den Medien hochgejunbelt wird. Es ist halt infacher ein so neues, junges Talent dem Fan und Leser interessant darzubringen als der sehr sehr ruhige Enke, nachdem ir in Lehmann und Kahn schon 2 aeltere Hasen hatten. Mich wuerde noch interessieren was du zu Rensing bei Bayern sagst, Wie bewertest du die Gegenwart und wie sind seine Zukunfchancen? Er war ja auch mal das sehr hochgejubelte groesste Torwarttaent deutschlands...
15.10.2008 01:38
Vielleicht ist Robert Enke doch etwas selbr an seiner Allgemeinsituation Schuld...Er wurde nie bewundert, es wurde nie viel ueber in geredet 1. Er spielt seit Jahren bei Hanoover, er haette schon frueher zu einem Spitzenverien wechsln sollen, der sich regelmaessig im Europacup beweist 2. Er hat zu spaet begonnen sich er Oeffentlichkeit als Nationaltorwart zu praesentieren... ICh sehe jede Woche was er fuer tolle Leistungen bringt, er hat die Nr. 1 verdient, doch irgendwie habe ich das GEfuehl das er sie nicht behalten wird...
15.10.2008 01:57
Danke, wieder mal ein genialer Blog! Natuerlich wurde die Leistung von Adler in den MEdien ueberbewertet, aber ich denke trotzdem das er ein toller Torhieter ist, er kommt mir jede Woche in der Bundesliga sehr konstant und sicher vor! Vielleiht liegt das an den Gruenden die du aufgezaehlt hast, das muss ich mal genauer betrachten. Auf wen tppst du den fuer die Torhueterposition 2010, wird es also Enke deiner Meinung nach, oder kann nuer (Wiese?) noch mitmischen?
15.10.2008 14:11
enke ist kein schlechter torwart, aber adler ist eindeutig der bessere. adler das 1:0 in osasuna in die schuhe zu schieben wollen ist ein skandal, und dann noch nicht mal ein seiner paraden aufzählen die KEIN anderer keeper der welt gehabt hätte, unverschämt adler ist der b este deutsche keeper, und bald wird keiner mehr über kahn oder andere tolle torhüter reden hast diu eins der trainings in d'dorf gesehen enke, wiese fehler, fehler ,fehler, daneben gegriffen, fehler, tor, tor, tor adler glanztat, unglaublicher reflex, usw. klar ist adler an der grenze, wenn er meghr von sich fordert als ich guck eher hinter,m ball hinterher als es zu versuchen iund dadurch nicht die reflexe und sprungkraft zusätzlich schulen wer beim training in ballsport arten nicht am limit iist macht etwas falsch 2 tore gegen finnland hätte adler aufgrund seiner reflex stärke gehabt enke ist weiß gott kein schlechter torwart, aber adler ist 8 jahre jünger und nciht unruhhiger oder so etwas, des weiteren hat ber schon genannte respekte auf seiner seite was total ausser acht gelassen wird, dass es enke bei barcelona nicht gepackt hat und großartig war (bin mir nicht sicher ob es schon valdez war) auch nicht! ein indiz für die inobjektivität ist das enke in deiner top elf aller zeiten steht klar ist das alles sehr toll geschrieben vom stil her, das macht den inhalt auch nicht wet!
16.10.2008 19:24
Ziemlich verwegen, von Paraden zu sprechen, die kein anderer Torhüter der Welt so hinlegen würde. Das Verrückte am Torwartspiel ist ja, dass sich die Ballfänger nie exakt und einszueins gleichen Situationen ausgesetzt sehen. Warum sonst lässt Neuer in der letzten Champions-League-Saison gegen den FC Chelsea einen Schuss durch die Beine gleiten, den sowohl er selbst als sowieso dreiviertel aller Erstligatorhüter in Spanien als auch, sagen wir, Michael Rensing normalerweise mit verbundenen Augen fängt? Richtig ist es, den Hype um Adler komisch zu finden, der mittlerweile zwar zwei solide, aber keinesfalls herausragende Länderspiele machen durfte. Was natürlich auch daran liegt, dass er recht wenig zu tun bekam. Richtig ist auch, dass Adler überragend begabt ist und ihm sicher die Zukunft im Tor der deutschen Auswahl gehört. Unsicher ist bloß, ob diese Zukunft schon begonnen hat.
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